Flüchtlingsdrama: Die Geschichte wiederholt sich!

True Story 1:

„Sie kommen, sie kommen“ – schnell wusste es die ganze Nachbarschaft, dass die Soldaten kommen und alle Menschen ermorden, die sie antreffen. Massenmord. Sie wollten das Land besetzen.
Schnell packt die Familie ein paar Sachen ein, nimmt die beiden Kinder, und sie rennen los. Der Vater hat etwas Wichtiges vergessen. Schnell noch zurück. Ein Schuss. Er kommt nicht mehr zurück.
Der 15-jährige Sohn schliesst sich den Partisanen an, wohnt im Wald und kämpft für das Land.

True Story 2:

Die Soldaten gehen von Haus zu Haus.
Soldat 1: „Umziehen, das Nötigste einpacken und raus“.
Der Soldat verlässt das Haus und geht weiter.
Der Vater geht sich umziehen.
Ein anderer Soldat kommt ins Haus.
Soldat 2: „Mädchen, wieso weinst du so bitterlich?“
Kleines Mädchen: „Er hat gesagt, dass Papa sich umziehen muss und mitkommen soll.“
Soldat 2: Er soll sich verstecken und nicht rauskommen.

True Story 3:

Es wird Jagd auf die Intellektuellen gemacht. Der Lehrer, der sich politisch engagiert, wird in eine Dorfschule verfrachtet. Dort muss er wieder flüchten. Man hört nie wieder etwas von ihm.

True Story 4:

Es herrscht Armut. Es gibt wenig Essen auf dem eigenen Land. Der Vater ist wochenlang unterwegs. Dorthin, wo es Arbeit gibt. Die Kinder werden geholt, sobald sie alt genug sind, um zu arbeiten. Vier sind schon dort und ändern ihren Nachnamen, damit dieser nicht so ausländisch klingt.
Die drei kleinen Kinder sind noch bei der Mutter und versuchen das Beste aus dem Land zu machen. Dann bricht der Krieg aus. Sie werden getrennt. Für immer.


Wo könnte das passiert sein? In Syrien? Irgendwo anders in der dritten Welt vielleicht?

Nein, genau das ist meiner Familie hier in Europa passiert. Ich bin gebürtige Polin und somit hat meine Familie während des ersten und des zweiten Weltkriegs in Polen gewohnt.

1:
Der Sohn in der Geschichte 1 war mein Opa. Er hat seinen Vater tot gesehen und ihn auf Händen getragen. Seine blutverschmierten Hände wollte er nicht wieder waschen: Auch später wollte er nie darüber sprechen, was geschehen war.
Die UPA (ukrainische Untergrund-Armee) hat Massenmord an den Polen begangen und das Land besetzt. Land, welches sich meine Familie kaufen konnte, weil sie zuvor in den USA gearbeitet und dort dafür gespart hatte.
Der Massen-Mord war im 1943. Ein vertrauter Ukrainer hatte sie gewarnt, weshalb meine Familie mit ihren Mitarbeitern flüchten konnte. Ohne diesen Ukrainer würde es mich heute nicht geben… vielleicht finde ich ja auch mal seine Familie.
Das Land, welches meiner Familie gehörte und wo ich irgendwann nach Antworten der Familiengeschichte suchen werde, liegt nun in der Ukraine. Einem Land, in dem Menschen wieder im Krieg leben und um ihr Leben fürchten müssen…

-> das war das Massaker von Wolhynien

Nach der Ermordung war mein Opa ein Jahr zu jung, um den Partisanen beizutreten und musste sich somit ein Jahr älter schwindeln. Nach seinem Tod blieb uns die Frage, welches effektive Geburtsjahr wir auf das Grab schreiben sollen.

* Mehr zu dieser Geschichte ganz unten

2:
Das kleine Mädchen in der Geschichte war meine Oma, welche in der Nähe von Warschau gewohnt hat mit ihrer Mutter und damals noch zwei älteren Brüdern.
Der zweite deutsche Soldat hat Erbarmen gezeigt und so ein Leben gerettet. Ziel der Reise war das Konzentrationslager.
Mein Urgrossvater konnte perfekt Deutsch und konnte sich so auch in der Kriegszeit „tarnen“…

3:
Das ist die Geschichte vom Bruder meines Opas väterlicherseits, welcher Sozialist war und somit unerwünscht. Die intellektuelle Familie meines Vaters musste sich permanent vor den Deutschen verstecken, da die Intelligenz ja ausgerottet werden sollte. Der Lehrer flüchtete in die Sowjetunion und verstarb wahrscheinlich in einem Gulag (Sowjet. Arbeits-Lager).
Aber auch mein Opa hat sich auf dem Estrich versteckt und mein Vater war ebenfalls mit dem Krieg „konfrontiert“. Andere Teile dieser Familie flüchteten zB nach Frankreich.
Eben hat sich auch jemand mit unserem Familien-Namen aus Brasilien in einer von mir gegründeten Familien-Facebook-Gruppen gemeldet. Habt ihr gewusst, dass Brasilien ein Exil-Land für Polen war? Da gibt es etwa 1 Mio. polnischstämmige Menschen! Aber auch nach Frankreich sind sehr viele ins Exil: Nach Frankreich ist auch die Nobelpreisträgerin und Polin Marie Skłodowska Curie ausgewandert, weil sie in Polen nicht studieren durfte.
USA war natürlich auch das Ziel von vielen Menschen mit guter Bildung: In Illinois habe ich auch Familie gefunden – Facebook sei dank.

4:
Hier geht es um meine Familie vor dem 1. Weltkrieg. Mein Ur-Urgrossvater Feliks flüchtete nach Chicago und baute sich dort ein neues Leben auf.
Nach zwei Jahren der Ahnenforschung habe ich dank einer Facebook-Gruppe meine Familie gefunden, die in den USA wohnt. Die Suche erwies sich als schwierig, weil die Familie damals den Nachnamen geändert hat, damit dieser amerikanischer tönt.
Die Familie war sich nie sicher, ob es da jemanden in Polen gibt. Sie hatten nur Fotos, aber keine Geschichte.
Hätte der erste Weltkrieg ein paar Jahre später eingesetzt – vielleicht gäbe es mich gar nicht. Dann wäre die ganze Familie wohl in den USA. Vielleicht wäre „ich“ auch Amerikanerin.


Ja, ich kenne viele Kriegsgeschichten.
Meine Oma (83, sehr fit – sie kommt noch jedes Jahr in die Schweiz, um uns zu besuchen) lebt noch und konnte mir auch erzählen, was vor dem ersten Weltkrieg geschah.
Auch meine deutsche Schwiegermutter hat mir schon Geschichten vom Weltkrieg erzählt. Ihr Bruder ist auch nie zurückgekommen. In ihr Haus schlug eine Bombe ein.
Ich denke, es wird Zeit, ein paar Memoiren zu schreiben. Diesen Beitrag werde ich noch anpassen, falls weitere Fakten zusammenkommen.

Was aber hat das mit der aktuellen Flüchtlingsdebatte zu tun?

Meiner Familie wäre es egal gewesen, ob sie nach der Flucht Gutscheine oder direkt Essen bekommen hätten. Es ging um’s nackte Überleben. Um Sicherheit. Da wurde nicht monatelang Geld gespart, damit man flüchten kann.

Gespart hatte mein Ur-Urgrossvater Feliks bevor er in die USA ausgewandert ist – das hat man auf den Dokumenten von Ellis Island gesehen. Willkommen waren Menschen, die Geld dabei hatten. Da ging es darum, zu arbeiten und um Geld zu verdienen. Nicht um Sicherheit. Eine ganz andere Voraussetzung. Es ging darum, ein besseres Leben zu führen – dort, wo es möglich war. In den USA: Hier hat man die Immigranten gebraucht, um das Land aufzubauen.

Das wird in der heutigen Flüchtlingsdebatte vergessen: Man investiert Zeit in Diskussionen, die völlig unnötig sind. Verfolgte Flüchtlinge brauchen ein Dach über dem Kopf, Essen und Sicherheit. Deshalb sind sie geflüchtet. Ihr Leben war in Gefahr.
Doch es geht weiter: Man soll in der aktuellen Situation nicht vergessen, dass grosse Ganze zu sehen.

Denkt man ernsthaft, dass ein Zaun Flüchtlinge davon abhält, nach Europa zu kommen?
Nein, sicher nicht!

Europa sollte gemeinsam auftreten und zusammen zB mit anderen Weltmächten schauen, dass sie das Problem an der Quelle beheben können.
Solange Krieg herrscht, soll man die Flüchtlinge aufnehmen und ihnen Sicherheit bieten. Ohne finanzielle Anreize. Es kann doch nicht sein, dass es Listen gibt, auf denen steht, welche Länder die lukrativsten sind. Die Standards sollten europaweit gelten.

Dann sollte man schauen, dass die Flüchtlinge nicht den ganzen lieben Tag lang rumsitzen und sich langweilen, sondern sie beschäftigen und ihnen beibringen, was Demokratie heisst und was sie für ihr Land tun können, wenn der Krieg vorbei ist / das Regime gestürzt etc.
Falls es Arbeit gibt, kann man auch hier mit den Flüchtlingen arbeiten. Wobei man dann hier etwas aufbauen müsste, was passend wäre. Ohne Sprache und Kenntnisse von einem Handwerk / Bildung ist das aktuell sehr illusorisch. Ideen wird es sicher geben.
Ansonsten sollten sie immer eine sinnvolle Beschäftigung haben. Da muss man dann schauen was sinnvoll ist und von der Bevölkerung auch akzeptiert wird.
Das gilt auch für den Wohnraum: Das Rauswerfen von älteren Schweizer Bürgern aus einem Haus, gehört sicher nicht dazu, wie unlängst passiert. Mitten in Familiensiedlungen, in denen junge Mädchen wohnen, Flüchtlingsheime für junge Männer zu bauen, ist genau so falsch. Weil genau solche Aktionen führen zu Fremdenhass.
Die Bevölkerung soll am besten mit einbezogen werden und nicht einfach hilflos zuschauen müssen, was die Politiker da machen (und was oft keinen Sinn macht und die Menschen auch in Ohnmacht führen kann).
Wieso zum Beispiel nicht mit den Flüchtlingen was Neues aufbauen, damit sie eine Beschäftigung haben und direkt in der Praxis lernen können (Häuser bauen, unterrichten, Englisch lernen, anderes Handwerk…)? In erster Linie geht es ja nicht um Integration, sondern um Schutz und ggf. Trauma-Therapie.

Lasst die gebildeten Flüchtlinge als Gast-Zuhörer in die Unis rein, damit sie verstehen und lernen. So, wie es früher die DDR mit Studenten aus Afrika gemacht hat.
Anderen kann man beibringen, wie sie ihr eigenes Geschäft aufbauen können. Ein praktisches Wissen, welches helfen soll, das kaputte Land wieder aufzubauen.

Was heute anders ist als damals: Heute fliehen Menschen in die reichen Länder, statt wie früher „nur“ in die Nachbarländer. Ansonsten wiederholt sich die Geschichte.

Deshalb braucht es europäische Standards und ein gemeinsames Vorgehen, damit es nicht so ist, dass Flüchtlinge in dem einen Land kaum was zu essen erhalten, während sie in einem anderen eine Wohnung und Taschengeld bekommen.
Vielleicht findet man dann auch ganz neue Lösungen. Die Idee der reichen Promis eine Insel zu kaufen und dort etwas Neues aufzubauen ist gar nicht so dumm: Die Flüchtlinge – so wie früher die USA-Immigranten – können etwas aufbauen, wo sie in Sicherheit leben können, falls eine Rückkehr unmöglich ist.

Gretchenfrage: Was ist diesen Sommer anders, was genau ist passiert, dass plötzlich so viele Flüchtlinge nach Europa kommen?

pvonnahnmeDa sollte man anknüpfen.
Zur aktuellen Diskussion habe ich einen sehr interessanten Artikel erhalten, welcher das grosse Ganze aufzeigt, statt auf Mikroebene das „Flüchtlingsproblem“ lösen zu wollen. Betrachtet es als Fortsetzung meines Artikels:
„Vorboten einer neuzeitlichen Völkerwanderung“, von Peter Vonnahme

 

Feliks

Hinten Mitte: Mein Ur-Urgrossvater Feliks Stanczak (in USA: Felix Stanzak), als er zu Besuch in Polen war

OMa

Unten: Meine Oma, kurz bevor ihr Vater fast ins Konzentrationslager gekommen wäre

Ellis

Ellis Island Dokument von 1913 – Liste von Immigranten aus Europa in den USA – darunter mein Ururgrossvater & seine 2 Söhne

Auf Ellis Island war ich auch schon  – ich wollte sehen, wo meine Familie damals angekommen ist. Es war ein sehr emotionaler Moment am gleichen Ort zu sein, wie meine Vorfahren über 100 Jahre früher…

Flüchtlingsdrama-Fazit: Herz UND Verstand benutzen

Und wie es so schön im Artikel von Peter Vonnahme steht: Wir müssen lernen zu teilen!


Zu mir: Mein Vater hat – noch vor dem Kriegszustand in Polen im Jahr 1981 – ein Stipendium als Biochemiker (Postdoktorand) in der Schweiz bekommen. Meine Mutter, mein Bruder (6) und ich (7) sind erst 1,5 Jahre später mit einem Touristenvisum nachkommen, da meine Mutter zuerst noch ihre Examen abschliessen wollte. Sie war damals schon Ärztin.
Wir blieben in der Schweiz und ich wurde kurz später eingeschult.

„Das Kriegsrecht führte zu einer Emigrationswelle namentlich von Polen mit Hochschulbildung, darunter 22.000 Ingenieure, 3000 Ärzte und 3000 hochqualifizierte Wissenschaftler.“ (Wikipedia)


*Fortführung Story 1:

Für die Google Suche und meine Ahnenforschung (damit auch wir gefunden werden von der Kedra-Familie) / kolonia Wiktorów, gomada Fundum, gmina Chotiaczów, powiat Włodzimierz, woj. wołyńskie, Wołyń – parafia Uściług