Erfahrungen eines Velo-fahrenden Autofahrers

In den letzten zwei Wochen habe ich aus verschiedenen Gründen meinen Arbeitsweg mehrmals mit dem E-Bike zurückgelegt. Schönes Wetter, Autobahnbaustelle, Termine, die ein etwas legereres Outfit zulassen etc. 30 Km am Morgen hin und am Abend wieder zurück. Dazu muss ich sagen, dass ich E-Bike aus der Perspektive eines Autofahrers fahre. Das hilft, potenziell gefährliche Situationen vorherzusehen.

Welche Beobachtungen habe ich gemacht?

  • Der Weg mit dem E-Bike dauert auf diese knapp 30 Km Strecke nicht sehr viel länger als mit dem Auto (aktuell ca. eine Stunde). Mit dem S-Pedelec (Flyer TS7.70) erreiche ich eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 32-33 Km/h – mit dem Auto sind es manchmal auch nur 39 oder 40. Aufgrund der Verkehrssituation im Hardwald zwischen Bülach und Eglisau am Morgen und am Abend ist das E-Bike an manchen Tagen vielleicht sogar über die ganze Strecke schneller. 
  • Es gibt Autofahrer, die das Vorhandensein von Velos (und hier macht es keinen Unterschied, ob E-Bike oder nicht) offensichtlich komplett ausblenden. Haltelinien werden überfahren, sie stehen dann an der Kreuzung auf dem Velo-Streifen – und als vortrittsberechtigter Velofahrer muss man anhalten oder einen Bogen vor oder hinter ihnen machen.
  • Manche Autofahrer machen Velospuren bewusst zu. Sie fahren in einer Kolonne, halten Abstand zum Trottoir bzw. der eingezeichneten Velospur. Und wenn dann ein Velofahrer kommt, ziehen sie nach rechts und machen dicht. Vielleicht ist das ja eine Trotzreaktion, weil man es damit den Velos mal so richtig zeigen kann…
  • Die Fahrer bestimmter Modelle stehen offensichtlich im permanenten Wettbewerb – nicht nur mit anderen Autos – nein, auch mit E-Bikes. Sportliche 3er BMWs lassen Motoren aufheulen und geben Vollgas, um zu zeigen, dass Ihr Auto schneller ist als ein E-Bike. Hätte ich nie gedacht… Was für eine Leistung…
  • Das Verhalten der Mehrheit (!) der Velofahrer in Zürich ist mir komplett unverständlich. Hierüber wurde ja schon viel geschrieben, aber eben: Rot ist rot. Ja, das mag nervig sein. Und ja, die Kreuzung mag leer sein oder leer erscheinen. Aber diese Mischung aus Ignoranz, Arroganz und Selbstgefälligkeit ist effektiv unerträglich. Gerade heute stand ich an einer roten Ampel – als einziger Velofahrer – fünf andere fuhren unbeirrt bei Rot weiter. Ach ja: Komplett unverständlich wird es dann, wenn die Polizei ebenfalls an der Ampel steht und solches Verhalten ignoriert, toleriert, oder was auch immer.
  • Überhaupt der Wettbewerb. Da fahren Velofahrer ganz gemütlich vor sich hin. Und kaum überholt man mit dem E-Bike, fühlen sie sich animiert zu «gewinnen». Es wird in die Pedale getreten, die rote Ampel auf dem Trottoir umfahren usw. Andere E-Bike-Fahrer heizen mit 50 Km/h bergab durch 30er-Zonen als wäre der Teufel hinter ihnen her. Und dann sind da noch die Rennvelo-Fahrer jenseits der 60, die man überholt, die dann plötzlich aufgedreht haben. Ich hoffe, denen geht es jetzt gesundheitlich noch gut…
  • Und dann gibt es noch die «Tauben»: Sie bekommen von ihrer Umwelt nichts mit, weil sie vom In-ear-Headset bis zum grossen schallisolierenden Kopfhörer irgendetwas in oder auf den Ohren haben und kein Klingeln hören – auch keine Autos – und auch keine anderen Menschen, die ihnen etwas zurufen wollen. Die «Tauben» treten bevorzugt als Velofahrer auf, es gibt sie aber auch als Fussgänger – in diesem Fall gerne in Kombination mit einem Smartphone vor der Nase, womit sie nicht nur taub, sondern auch noch blind sind.

Fazit: Man kann bei gutem Wetter mit einem schnellen E-Bike relativ problemlos pendeln – auch über 30 Km-Distanzen. Ein siebter Sinn kann helfen, die eine oder andere risikoreiche Situation zu entschärfen. Sich in andere hineinversetzen – das ist ja auch im sonstigen Leben kein Nachteil. Und: Generell würde Hirn einschalten helfen. Sowohl bei Auto- als auch bei Velofahrenden…

Nachtrag – aus aktuellem Anlass: Die GLP in Zürich hatte ja nun die glorreiche Idee, Velofahrer sollten bei Rot über die Ampel fahren dürfen – nach einem kurzen Stopp. Sorry, aber wie realitätsfremd kann man sein? (1) machen viele Velofahrer selbst heute an einer roten Ampel keinen Stopp, trotz aktueller Gesetzeslage und möglicher Busse. (2) ist es kein Argument, dass das in anderen Städten funktioniert. In anderen Städten funktioniert auch das gesittete Ein- Aussteigen im ÖV, was in Zürich offenbar auch viele nicht kapieren (wollen). Oder rechts stehen, links gehen auf einer Rolltreppe… (3) bin ich gespannt auf das Geschrei, wenn dann der erste Velofahrer unter einem Auto liegt, das vortrittsberechtigt war.