Erfahrungen mit einem Plug-in Hybrid

Leser dieses Blogs wissen es: Seit etwas mehr als eineinhalb Jahren bewege ich (primär) in der Freizeit ein E-Bike mit grosser Begeisterung. War es somit eine Frage der Zeit, dass auch beim Auto eine Elektrifizierung anstand? Vielleicht schon. Jedenfalls bewegen wir jetzt seit fast sechs Wochen nun einen Mercedes E350e. Für diejenigen, die sich unter dieser Modellbezeichnung nicht direkt etwas vorstellen können: Dies ist ein Plug-in Hybrid, der einen Benzinmotor (Vierzylinder, 211 PS) mit einem Elektromotor verbindet, was eine Systemleistung von 286 PS ergibt. Der E-Motor kann sowohl über ein Kabel (deshalb plug-in) geladen werden wie auch im Fahrbetrieb. Die elektrische Reichweite wird von Mercedes mit etwas über 30 Km angegeben, wobei die tatsächliche Reichweite sehr stark von Fahrbedingungen abhängt – wie der Benzinverbrauch ansonsten ja auch.

Der E350e (mit Night-Paket)

Im Kern und seinem Wesen ist der E350e zunächst einmal eine ganz normale E-Klasse der aktuellen Generation. Das bedeutet: Sehr komfortabel, sehr leise (woran das Akustik-Paket einen Anteil hat), sehr sicher (wenn man dies schätzt und will mit einer ganzen Armada an Assistenten, die auch weitestgehend gut funktionieren). Das Widescreen-Cockpit ist ein Genuss. Die beiden Bildschirme lassen sich individuell konfigurieren, so dass man mal ein eher modernes, mal ein eher klassisches Layout hat. Die Ambiente-Beleuchtung kann viele Farben darstellen, wobei das Blau natürlich recht gut zu einem Hybriden passt.

Das Widescreen-Cockpit der E-Klasse

Ambiente-Beleuchtung

Wie fährt sich so ein Plug-in Hybrid? In erster Linie eigentlich recht unspektakulär. Der Wagen hat vier Fahrmodi: Hybrid, E-Mode, E-Save und Charge. Hybrid heisst, dass der Wagen vorwiegend elektrisch fährt, wenn die Batterie noch genügend geladen ist und nicht allzu viel Leistung abgerufen wird. In E-Save fährt das Auto primär mit dem Benziner und spart die Batterie-Kapazität (z.B. um später in der Stadt elektrisch zu fahren). Im E-Mode fährt der Wagen (solange es geht) rein elektrisch – das soll bis 130 Km/h funktionieren (was ich noch nicht ausprobiert habe). Charge heisst – wie der Name nahelegt –  dass der Benziner den Wagen antreibt und gleichzeitig auch die Batterie geladen wird.

An einer normalen Haushalts-Steckdose kann der E350e in ca. dreieinhalb Stunden vollgeladen werden. Mit Wallbox und entsprechender Zuleitung sind eineinhalb Stunden möglich.

Laden an der normalen Haushalts-Steckdose

Wie sieht es mit dem Verbrauch aus? Im ruhigen Überland-Betrieb stehen durchaus einmal etwas mehr als 3 Liter auf 100 KM auf der Verbrauchsanzeige (Hybrid-Modus). Eine Autobahnetappe von 350 Km konnte ich mit einem Durchschnittsverbrauch von etwas über 6 Liter auf 100 Km zurücklegen (wobei interessanterweise der Bordcomputer angezeigt hat, dass der Benzinmotor auf ca. 110 Km Strecke nicht lief – trotz der eigentlich ja nur 30 Km Batteriekapazität). Wenn man das Spar-Mindset ausschaltet und es eiliger hat, kann man den E-Motor übrigens auch als Booster für den Benziner nutzen (Sport-Modus) – habe ich aber auch noch nicht gemacht. Bis jetzt liegt der Durchschnitt auf die 2.500 Km bei gemessenen 5,9 Litern auf 100 Km (bei ebenfalls gemessenen 5,3 im Minimum zwischen zwei Benzin-Tankstopps).

Was macht ein Hybrid mit dem Fahrer? Das ist tatsächlich noch irgendwie spannend. Zunächst einmal ist es ungemein angenehm, wenn man mehr oder weniger lautlos z.B. durch die Stadt fahren kann. Das scheint im übrigen auch die einen oder anderen Passanten zu überraschen, die das von einem Mercedes nicht zu erwarten scheinen. Klar, Tesla ist elektrisch, aber ein Mercedes? So lesen sich zumindest manche Gesichter. Insgesamt verleitet die Technik zu dem Ehrgeiz, möglichst sparsam und möglichst viel elektrisch unterwegs zu sein.

Vielleicht ein paar Gedanken zur Ladeinfrastruktur: Wenn man beginnt, sich damit auseinanderzusetzen, dann kommen schnell ein paar Fragen auf. Warum ist es so schwierig, einen vollständigen Überblick über Ladestationen zu bekommen? Die eine App bietet diese, die andere App jene. Warum gibt es in ganz grossen Parkhäusern mit 1.400 Parkplätzen nur eine (!) Ladestation, obwohl diese gerade frisch renoviert werden? Warum stehen auf den wenigen Plätzen immer wieder Fahrzeuge, die gar keinen Elektromotor haben? Warum kann man nicht einfach überall mit Kreditkarte die Ladung bezahlen, sondern braucht da und dort eine App, andere Male jeweils spezielle Kundenkarten. Wenn man einen Plug-in Hybrid fährt, ist das ja noch nicht so kritisch, denn ich kann ja immer noch mit Benzin weiterfahren. Für ein reines E-Auto kann das ziemlich anstrengend werden.

Die Klappe des Ladeanschlusses sitzt unter der rechten Rückleuchte

Fazit: Der E350e ist ein tolles Auto. Man kann rein elektrisch fahren und durchaus niedrige Benzinverbräuche erreichen, wenn man konsequent lädt (und die Infrastruktur dies zulässt). Klasse wäre es natürlich, wenn die Kapazität der Batterie etwas grösser wäre. Für mich wären echte 60 Km ideal, dann könnte ich unter der Woche fast nur elektrisch fahren.